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2. Fachforum ländliche Entwicklung Hessen
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HESSISCHE AKADEMIE DER PLANUNG UND FORSCHUNG IM LÄNDLICHEN RAUM

Statistische Beobachtungen zur Landtagswahl am 8. Oktober 2023, zur Europawahl am 9. Juni 2024 und zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025.

Dr. Jürgen Römer

Dr. Jürgen Römer; Foto: Habekost
Jürgen Römer ist Vorsitzender der HAL e. V.

Das Erstarken rechtspopulistischer Parteien, konkret der AfD, in den vergangenen 10 Jahren macht medial Furore. Hier scheint sich eine Erfolgsgeschichte zu vollziehen, die geradezu unaufhaltsam wirkt1. Dies untermauerten – so die öffentliche Wahrnehmung und Darstellung quer über alle politischen Präferen­zen hinweg – vor allem die Wahlergebnisse dieser Partei. Gerade europafreundliche politi­sche Kräfte gaben ihrer Bestürzung offen Ausdruck, wie etwa Christian Moos, der Generalsekretär der überparteilichen Europa-Union Deutschland e. V. und Mitglied im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss, der nach der Europawahl schrieb, dass sich die „Prognosen eines starken Zuwachses rechtsextremer Abgeordneter leider bewahrheitet“ hätten.2
Die AfD habe ihre Hochburgen in den ländlichen Räumen, ist eine immer wieder geäußerte Ansicht.3 Sie deckt sich allerdings bei näherem Hinsehen nicht mit den empirischen Werten, wie etwa das Beispiel der Landtagswahl 2023 im Main-Kinzig-Kreis verdeutlicht.4 Hier erlaubt es eine inter­aktive Grafik, die Wahlergebnisse in den einzelnen Kommunen des Kreises anzuklicken. Es zeigt sich schnell, dass die höchsten Werte der AfD nicht in den als peripher beschriebenen, abgelegenen Kommunen etwa im Nordspessart zu finden sind, sondern im Kinzigtal, am Übergang in das Rhein-Main-Gebiet. Dieses Bild bestätigt und vertieft das Wahlergebnis im Kreis Gießen, in dem die AfD ihre Hochburgen nicht etwa in den östlichen Kommunen des Kreises, sondern in der Kreisstadt selbst hat.5
Es ist in der Vergangenheit und in der Gegenwart sehr viel darüber nachgedacht, geforscht und publiziert worden, worin die Ursachen der mehrheitlichen Hinwendung ganzer Stadtviertel und ganzer Orte zu einer Partei wie der AfD liegen. Es ist hier nicht der Ort, diese sehr komplexe Debatte zu wiederholen, zumal diese Entwicklung auch von einer gewissen Uneindeutigkeit geprägt ist. Darauf weist die Soziologin Claudia Neu in einem Interview zum Zusammenhang von Einsamkeit als gesellschaftlichem Phänomen und steigendem Zuspruch für extremistische Ideen und Parteien hin, wenn sie sagt: „Es gibt weniger Menschen mit gesichertem rechtsextremistischem Weltbild, aber mehr Menschen, die sich der AfD zuwenden.“6
Ein Blick auf eine Grafik zu den Landtagswahlen in Hessen seit 1946 zeigt Verschiebungen über längere Zeiträume hinweg wie etwa eine Phase der größeren Vielfalt unter deutlicher sozialdemokratischer Mehrheit bis 1958, die Entwicklung hin zum Dreiparteiensystem in den 60er und 70er Jahren mit einem Übergang zu ausgeglichenen Stimmenanteilen von SPD und CDU mit dem allmählichen Aufkommen der Grünen. Seit 2008 nehmen traditionelle Dominanzen ab zu Gunsten einer Annäherung der Ergebnisse der einzelnen Parteien. Auffallend ist dabei vor allem der starke Anstieg der AfD von 2013 bis 2023, die ihren Stimmenanteil von 4,1 % auf 18,4 % um mehr als das Vierfache steigern konnte.
Wie verteilen sich die Wahlergebnisse der zuletzt genannten Partei im Raum? Vieles ist darüber in dem Online-Tool Demogis der Goethe-Universität Frankfurt, Prof. Bernd Belina, zu erfahren.7 Doch bleibt auch hier, wohl aus Gründen der Praktikabilität, die Ebene des einzelnen Wahlbezirks ausgeblendet.

1 Ein Link als Beispiel für zahllose andere: https://www.thepioneer.de/originals/thepioneer-expert/articles/afd-voruebergehender-hype-oder-neue-politische-wirklichkeit. [eingesehen 15. 1. 2025]
2 https://www.europa-union.de/ueber-uns/meldungen/aktuelles/europa-hat-gewaehlt-ersteinschaetzung-von-eud-generalsekretaer-christian-moos [eingesehen 16. 1. 2025]
3 Zum Wahlerfolg der AfD in Cornberg siehe etwa: https://www.hessenschau.de/politik/europawahl/man-fuehlt-sich-abgehaengt-ratlosigkeit-nach-dem-rekordergebnis-der-afd-in-cornberg-v2,afd-hochburg-cornberg-100.html, sehr plakativ zu den Ergebnissen in den ländlichen Räumen unter der Überschrift „Auf dem Land wählt man rechts“ die FAZ: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/afd-ergebnisse-bei-der-europawahl-in-hessen-auf-dem-land-waehlt-man-rechts-19779226.html; deutlich anders allerdings die tatsächliche Verteilung etwa in Nordrhein-Westfalen: https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/afd-wahlergebniss-europawahl-nrw-100.html, wo die Hochburgen der AfD offenkundig im stark urbanisierten Rhein-Ruhr-Raum liegen. [alle eingesehen 15. 1. 2025]
4 https://www.gnz.de/lokales/main-kinzig-kreis/landtagswahl-in-hessen-2023-main-kinzig-kreis-wird-fuer-die-afd-zur-hochburg-so-haben-die-kommunen-SYHLPLF7PVGO5CYAGHQACYH77Q.html [eingesehen 15. 1. 2025]
5 https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/cdu-staerkste-kraft-in-giessen-landtagswahl-2023-gruene-spd-afd-ergebnis-92566212.html [eingesehen 15. 1. 2025]
6 https://www.fr.de/politik/wie-einsamkeit-und-extremismus-zusammenhaengen-93309605.html [eingesehen 16. 1. 2025]
7 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Historie_Landtwagswahlen_Hessen.png; Luis Herr, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons [eingesehen 23. 3. 2025].
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Grafik 1: Ergebnisse der hessischen Landtagswahlen von 1946 bis 2023. | Quelle: wikipedia.de8

Es scheint also vielversprechend zu sein, die Wahlergebnisse sehr detailliert in den Blick zu nehmen, um sich vor verschleiernden Verallgemeinerungen zu hüten. Die vom Statistischen Landesamt Hessen angebotenen Daten der Wahlergebnisse auf Ebene der einzelnen Wahlbezirke lassen Aussagen zur räumlichen Verteilung der Wählerschaft aller Parteien mit hoher Präzision zu, die ein gewisses Gegengewicht zu notwendigerweise häufig pauschalisieren­den Aussagen in den Medien bilden können. Für einen ersten Eindruck werden die Zweitstimmenergebnisse der AfD kreisweit bzw. auf Ebene der kreisfreien Städte erfasst. Grundlage dieser und aller weiteren Aussagen über die Ergebnisse der Landtagswahl 2023, der Europawahl 2024 und der Bundestagswahl 2025 sind die Daten des hessischen Landeswahlleiters, wie sie das Statistische Landesamt öffentlich und kostenfrei zur Verfügung stellt. Ergänzt wurden sie für die Bundestagswahl durch die entsprechenden Zahlen des Hessischen Rundfunks, die ebenfalls auf den Landeswahlleiter zurückgehen.
Diese Grafik lässt erkennen, dass generell in den Städten sowie im süd- und mittelhessischen Bereich die Ergebnisse der AfD signifikant niedriger liegen als in den Landkreisen im Norden des Bundeslandes. Somit bestätigt sie das oben skizzierte Land-Stadt-Gefälle.
Die Frage nach der Vergleichbarkeit einer Landtags- mit einer Europawahl ist naheliegend. Die enormen gesellschaft­lichen und politischen Änderungen und Verwerfungen vor allem der Coronajahre 2020-2022 dürften eine Vergleichbarkeit der beiden letzten Europawahlen beeinträchtigen.

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Grafik 2: Zweitstimmenergebnisse der AfD in Hessen bei der Landtagswahl 2023 (blau), der Europawahl 2024 (rot) und der Bundestagswahl 2025 (grün). Quelle: Statistik Hessen und https://www.hessenschau.de/politik/bundestagswahl/ergebnisse/hier-gelangen-sie-zu-allen-ergebnissen-v1,bundestagswahl-2025-ergebnisse-hessen-ueberblick-100.html, eig. Darstellung

8 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Historie_Landtwagswahlen_Hessen.png; Luis Herr, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons [eingesehen 23. 3. 2025]
 

Daher wird hier zu Grunde gelegt, dass eine Vergleichbarkeit der Europawahlergebnisse von 2024 mit denen von 2019 weniger aussagefähig ist als ein Vergleich dreier aufeinander folgender, landesweiter Wahlen, der Landtagswahl 2023, der Europawahl 2024 und der vorgezogenen Bundestagswahl 2025, zwischen denen weniger als anderthalb Jahre lagen. Zu berücksichtigen ist sicher die bei Europawahlen stets niedrigere Wahlbeteiligung, wenngleich sie von 2019 zu 2024 von 58,4 % auf 63,1 % stieg.9 Der Vergleichbarkeit dient, dass die Zweitstimmenergebnisse hier immer auf Ebene der Landkreise und nicht der Wahlkreise betrachtet werden.
Sobald in die Erarbeitung des vorliegenden Beitrag die Bundestagswahl 2025 einbezogen wurde, begannen sich die Phänomene in einem anderen Licht darzustellen. So wird zunächst deutlich, dass Wählerinnen und Wähler der AfD offenbar in geringerem Umfang an den Europawahlen teilnehmen. Dies ist angesichts des äußerst kritischen Verhältnisses der Partei zur europäischen Einigung keine Überraschung.

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Grafik 3: Zweitstimmenergebnisse der AfD in den hessischen Landkreisen und kreisfreien Städten im Vergleich von Landtagswahl 2023 und Bundestagswahl 2025. Quelle s. Grafik 2, eigene Berechnung und Darstellung.
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Tabelle 1: Wahlbezirke mit den 50 höchsten Einzelwer­ten von Zweitstimmen für die AfD bei hessenweiten Wahlen 2023, 2024 und 2025. Dunkelgrau: städti­scher Wahlbezirk, Mittelgrau: kleinstädtischer Wahlbezirk, hellgrau: dörflicher Wahlbezirk. Orange unterlegt: gestiegen gegenüber der letzten (in Einzelfällen: vorletzten) Wahl, hellgrün: gefallen; blau: neu aufgerückt unter die obersten 50 im Ranking. Quelle: Statistik Hessen, eig. Darstellung.

Zu den Ergebnissen der AfD bei der Wahl am 23. 2. 2023 fand die Homepage der Tagesschau folgende Worte: „Die AfD hat in Hessen bei der Bundestagswahl 17,8 Prozent geholt, weniger als im Bundesdurchschnitt (20,8 Prozent), aber 9 Prozent mehr als bei der Wahl 2021.“10 Dies ist zwar richtig, doch gilt auch hier, dass ein vergleichender Blick auf die letzte und vorletzte landesweite Wahl den vermeint­lichen Triumph der Partei deutlich schrumpfen lässt. So hat die AfD gegenüber der Landtagswahl trotz einer offenbar hohen Mobilisierung ihrer Wählerschaft, sichtbar an der hohen Wahlbeteiligung, und trotz der beispiellosen Pola­risierungen im Bundestagswahlkampf, namentlich zum Thema „Migration“, in Hessen insgesamt Prozentpunkte eingebüßt. Lediglich in vier Landkreisen gelang es ihr, ihr Landtagswahlergebnis zu übertreffen: Werra-Meißner-Kreis (+0,8 Prozentpunkte), Waldeck-Frankenberg (+0,7), Hersfeld-Rotenburg (+0,3) und Vogelsbergkreis (+0,1). In der Stadt Offenbach stagnierte ihr Ergebnis. In allen anderen Landkreisen und kreisfreien Städten gingen die Ergebnisse der AfD zurück, schwankend zwischen -0,1 Prozentpunkten im Schwalm-Eder-Kreis und -1,6 im Main-Kinzig-Kreis. Es fällt auf, dass gerade in einigen Landkreisen, in denen die AfD bei der Landtagswahl 2023 besonders starke Ergebnisse erzielen konnte, die Verluste bei der Bundestagswahl 2025 relativ hoch sind, etwa im bereits genannten Main-Kinzig-Kreis und im Lahn-Dill-Kreis (vgl. Grafik 3, in der die einzelnen Gebietskörperschaften nach der Höhe ihres Ergebnisses 2023 angeordnet sind).

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Tabelle 2: Anteile der drei Siedlungstypen „Größere Stadt, „Kleinstadt“ und „Dorf“ an den 50 höchsten Prozentwerten der AfD bei den hessenweiten Wahlen 2023, 2024 und 2025. Quelle: S. Tabelle 1, eigene Darstellung.

Es ist zunächst also festzuhalten, dass von einem unaufhaltsamen Siegeszug der AfD, vor allem in den ländlichen Räumen, keine Rede sein kann. Die Partei verlor hessenweit von Oktober 2023 bis Februar 2025 in knapp anderthalb Jahren 0,6 Prozentpunkte. Sie kann die Polarisierung und die Fokussierung auf das Thema „Migration“ in Hessen nicht für sich nutzen.
Einen einheitlichen Trend zwischen ländlichen und städtischen Räumen bilden die Zahlen nicht ab. Auch Berechnungen von Korrelationskoeffizienten zeigen keinerlei ­signifikante statistische Zusammenhänge etwa der Art, dass die AfD in den Hochburgen von 2023 besonders viel oder wenig verloren bzw. gewonnen hätte. Ebenso wenig lassen sich klare Korrelationen zwischen den Ergebnissen der AfD und denen anderer Parteien nachweisen. Insgesamt liegen die Unterschiede zwischen den Ergebnissen bei den beiden Wahlen allerdings im Bereich von weniger als +/- 2 Prozentpunkten, bilden also landesweit eher eine Stagnation ab als einen weiteren Vormarsch, sofern man solche geringfügigen Schwankungen denn überhaupt inter­pretieren möchte.
Im nächsten Schritt werden die Wahlergebnisse auf beson­ders hohe Zweitstimmenwerte für die AfD in den einzelnen Wahlbezirken hin untersucht. Diese werden lokalisiert und daraufhin angeschaut, ob sie in peripheren ländlichen Regionen Hessens liegen, in urbanisierten Räumen oder in den großstädtischen Metropolen.
Es zeigt sich, dass die absoluten Spitzenwerte der Landes- bzw. Zweitstimmen für die AfD mitnichten primär in abgelegenen Dörfern zu finden sind, sondern in Klein-, Mittel- und Großstädten in bestimmten Vierteln, deren Bewoh­nerschaft mehrheitlich in finanziell und sozial prekären Verhältnissen leben dürfte. Dort sind die Menschen, die den Versprechungen der AfD vertrauen, signifikant häufiger ansässig als in peripheren ländlichen Siedlungen. Auch dort gibt es einzelne Hochburgen, doch dürften hier, bei Bevölkerungs- und damit Wählendenzahlen im teils niedrigen drei- oder sogar zweistelligen Bereich, persönliche Bindun­gen und Bekanntschaften eine größere Rolle für die Wahlpräferenz spielen. Ein Schwerpunkt der höchsten Einzelwerte in Ost- und Nordhessen ist ebenfalls unverkennbar. Zu berücksichtigen ist, dass in Wahlbezirken mit sehr niedri­gen Zahlen von Wahlberechtigten in der Regel die Briefwahlunterlagen mehrerer Wahlbezirke zusammengefasst ausgewertet werden, was einen Rückschluss auf den einzelnen Bezirk unmöglich macht. Ich möchte betonen, dass ich die tiefer gehende Interpretation dieser Befunde berufeneren Menschen gerne überlasse.
Eine Verschiebung weg von den größeren Städten hin zu den Kleinstädten und vor allem den Dörfern ist allerdings unverkennbar, wobei sich die Sonderrolle der Europawahl auch hier abbildet.
Der Vollständigkeit halber wurden auch die 30 Wahlbezirke mit den niedrigsten AfD-Zweitstimmenwerten zusammen­gestellt, aber nicht tabellarisch abgebildet. Sie befinden sich samt und sonders in den größeren und Universitätsstädten. Neben zahlreichen Briefwahlbezirken erscheinen hier die universitär geprägten Viertel sehr prominent. Es scheint dies geradezu eine Gegenwelt zu den Bezirken in der ersten Tabelle zu sein, auch wenn teils nur einige hundert oder tausend Meter Luftlinie dazwischen liegen.
Wie die knapp zusammengefassten Befunde zeigen, lagen bei der Landtagswahl 2023 die höchsten Zweitstimmenergebnisse für die AfD weniger in dörflichen als in mittelstädtischen und städtischen Kommunen bis hin zu den Großstädten des Bundeslandes. Dies hat sich bei den beiden folgenden landesweiten Wahlen verschoben: die höchsten Anteile werden zunehmend in dörflich-ländlichen Wahlbezirken erzielt. Der Anteil der Wahlbezirke in den größeren Städten nimmt ab, während der der Kleinstädte, in Hessen vor allem in den ländlich geprägten Landesteilen gelegen, in etwa gleich bleibt.
In den Städten lassen sich bei den Hochburgen der AfD auf Ebene der einzelnen Wahlbezirke wohl vor allem ehemalige Arbeiterviertel bzw. solche mit einem hohen Anteil an Menschen in wirtschaftlich und sozial als prekär empfundenen Lebenszusammenhängen erkennen. Dies dürfte auch auf die Kleinstädte zutreffen. Es handelt sich vorwiegend um Quartiere mit großformatigem Mietwohnungsbau, in denen offenbar das Misstrauen gegenüber den herkömmlichen Formen bundesrepublikanischer Demokratie am größten ist. Vermutlich spielen auch Bildungserwerb und -stand hier eine Rolle.
Bei den dörflichen geprägten AfD-Hochburgen sind Orte am Übergang vom Ballungsraum zum ländlichen Raum beteiligt, etwa im Main-Kinzig-Kreis oder im Lahn-Dill-Kreis. Sie scheinen einen etwas anderen Typ zu repräsentieren als kleine Dörfer in weiter von städtischen Zentren entfernt liegenden Regionen, die einen zunehmenden Anteil an den Orten mit großen Erfolgen der AfD einnehmen. Hier dürften die – mit aller Vorsicht geäußerten – Merkmale der städtischen AfD-Wählerschaft nicht in der gleichen Homogenität zutreffen. Auffallend ist zudem der Anteil von Orten mit einer starken Industriearbeitnehmerschaft, einerlei, ob diese noch traditionell in größeren Unternehmen tätig sind wie etwa im Falle Baunatals oder Allendorfs an der Eder oder ob die großen Arbeitgeber früheren Zeiten angehören wie beispielsweise in Cornberg, das als Siedlung für die Berg- und Hüttenarbeiter des Kupferschieferbergbaues zwischen 1938 und 1941 angelegt wurde. Erst nach Kriegsende wurde der Ort von größeren Einwohnerzahlen besiedelt.11
Gemein sein, allerdings in offenbar unterschiedlichen Formen und Intensitäten, dürfte allen diesen Wahlbezirken, Erfahrungen eines tatsächlichen oder empfundenen Verlustes. Dies wird seit geraumer Zeit gesellschaftlich debattiert und erhält in den Medien Raum.12 Je nach Lage und sozialer Zusammensetzung werden die anderen Parteien unterschiedliche und jeweils anzupassende Strategien entwickeln müssen, wenn sie diese Wählerstimmen wieder zu sich zurückholen wollen.
Zugleich zeigt sich aber auch, dass die AfD mit der Landtagswahl 2023 in Hessen einen Zenit erreicht hatte, der sich so in den folgenden anderthalb Jahren nicht wieder erreichen ließ, zunehmender gesellschaftlicher und politi­scher Polarisierung und großer eigener Mobilisierungsanstrengungen zum Trotz. Dies zeigt möglicherweise an, dass die Partei ihr Potential – auch in Hessen – weitgehend ausgeschöpft habe, wie der Sozialpsychologe Oliver Decker bezogen auf ganz Deutschland meint.13

11 „Cornberg, Landkreis Hersfeld-Rotenburg“, in: Historisches Ortslexikon (Stand: 11.9.2024) [eingesehen 23. 3. 2025].
12 Zum Beispiel die viel beachteten und diskutierten Arbeiten des Soziologen Andreas Reckwitz, siehe als Beispiel auch für deren mediale Wirkung: https://www.ndr.de/kultur/buch/Wohlstand-Fortschritt-Klima-Andreas-Reckwitz-ueber-Verluste-der-Moderne,reckwitz108.html [eingesehen 16. 1. 2025]
13 https://taz.de/Wahlergebnis-der-AfD/!6070939/ [eingesehen 22. 3. 2025].